Mami Wata

Eines Tages war wunderschönes Wetter. Das Meer war glatt und die Sonne spiegelte sich darin. So leuchtete das Wasser ganz golden. Das war optimales Wetter, um mit seinem kleinen alten Boot zum Fischen zu fahren. Er hatte seit Tagen nichts mehr gefangen und war hungrig. Doch es war wie verhext. Den ganzen Vormittag fing er keinen einzigen Fisch. Deshalb beschloss er, noch etwas weiter aufs Meer zu fahren. Als er jedoch die Bucht verließ, erfasste ihn eine Strömung, die sein Boot noch viel weiter aufs Meer hinauszog. Statt zu fischen, kämpfte der Fischer nun darum, wieder zum Land zu kommen. Als er endlich erschöpft eine Strömung erreichte, die ihn wieder Richtung Land trug, passierte etwas Seltsames. Plötzlich wurde das Meer unruhig. Es kam Wind auf und die Wellen wurden immer größer. Dunkle Wolken bildeten sich über dem kleinen Fischerboot. Das Seltsame war, dass rundherum der Himmel klar und sonnig blieb. Auch das Meer weiter entfernt wirkte ruhig. Die Wellen, die das alte zerbrechliche Boot immer mehr hin und her warfen, wurden immer größer, die Wolken immer dunkler, der Wind immer stärker. Als sich die nächste Welle auftürmte, entdeckte er unter der Wasseroberfläche ein hässliches grünes Frauengesicht mit ganz dicken langen Haaren. Vielleicht waren es keine Haare, sondern Schlangen. Der Fischer bekam Angst und dachte, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Kaum blitzte dieser Gedanke in seinem Kopf auf, wurde die Dunkelheit durch einen grellen Blitz erhält, dem sofort ein ohrenbetäubender Donner folgte. Der Blitz zerschlug das Boot mit einem Hieb in kleine Stücke. Der Fischer spürte, wie er ins Wasser fiel und sich plötzlich ein Arm um seine Hüfte schlang und ihn nach unten zog. Er konnte gerade noch tief einatmen, ehe er im Wasser versank. Eigentlich war er ein guter Taucher, da er regelmäßig von seinem Boot aus tauchte, um Hummer, also große Krebse, vom Meeresboden zu holen, weil sie so lecker schmecken. Er bemerkte noch, dass es die hässliche Frau war, die ihn in die Tiefe zog. Jetzt sah er auch ihren Fischschwanz. Sie hatte tatsächlich Schlangenhaare. Ich werde also durch eine Hexe sterben, dachte er noch. Aber langsam ging ihm die Luft aus und er verfiel in einen Dämmer- und Traumzustand. In diesem träumte er, dass die Hexe sehr schön wäre und er begann sie liebevoll mit der Hand zu streicheln, die ihre glatte Hüfte und die Schuppen ihres Fischschwanzes berührte. Dann wurde er bewusstlos.
Als er wieder zu sich kam, lag er im ganz flachen Wasser am Strand, nicht weit von seiner Hütte entfernt. Eine wunderschöne Nixe lag neben ihm und küsste ihn. Als er wieder ganz bei sich war, sagte sie, dass er erst etwas essen und sich dann den restlichen Tag ausruhen sollte. Zum Abschied übergab sie ihm einen großen Hummer und verschwand anschließend mit einem kräftigen Flossenschlag im Meer. Der Fischer war hin- und hergerissen. Er war glücklich noch zu leben und auch, solch eine wunderschöne Nixe kennengelernt zu haben und gleichzeitig wusste er nicht, wie er in Zukunft ohne sein Boot und sein Netz leben sollte. Wenn er an die grüne Hexe mit den Schlangenhaaren dachte, lief ihm immer noch ein Schauer des Schreckens über seinen Körper. Aber er genoss den Hummer und schlief bis in die Dunkelheit in seiner Hütte. So bemerkte er auch nicht, dass sich die Tür seiner Hütte öffnete und eine wunderschöne Frau hereinkam. Erst durch ihren Kuss wachte er auf und erkannte die Nixe vom Strand. Diesmal hatte sie keinen Fischschwanz. Noch nie hatte der Fischer eine solch einmalige und berauschende Nacht erlebt.