Es breiteten sich Krankheiten aus. Es gab Dürren und Insektenplagen, die die Ernten vernichteten und es gab unerklärliche Schlangenplagen, bei denen zahlreiche Bewohner von giftigen Schlangen gebissen wurden. Die Fischer fingen im Meer nahezu keine Fische mehr und viele Menschen starben. Hinzu kam, dass sich auf dem Meer vor der Einfahrt in die Bucht vor Calabar oft heftige Stürme und Unwetter bildeten. Viele der Schiffe, die für die Handelsgeschäfte des Ortes wichtig waren, gingen in diesen Unwettern unter. Einige wenige Überlebende berichteten zudem, dass sie in den Stürmen, kurz vor dem Untergang unter Wasser, das Gesicht einer schrecklichen Frau mit Schlangen in den Haaren und einem Fischschwanz gesehen hätten.
Zu der Zeit gab es im Ort auch einen Geheimbund, der nicht nur die Geschäfte Calabars im geheimen steuerte, sondern auch großen Einfluss auf die rituellen Bräuche der Region hatte. Mitglieder dieses Geheimbundes hatten schon Geschichten über Mami Wata gehört. So vermuteten sie, dass sie es war, die dem Ort und der Region offensichtlich böse gesonnen war. Da sie keinen Grund fanden, warum sie dies verdient hätten, vermuteten sie, dass es eventuell auch die ersten Sklavenschiffe gewesen seien, die Mami Wata zu ihrem Handeln veranlassten. Deshalb beschloss der Geheimbund ein Opfer-Ritual, um Mami Wata positiv zu stimmen, so dass sie Calabar zukünftig verschonte. Da mit den Schiffen immer viele Seeleute und Sklaven untergingen, vermuteten sie, dass Menschopfer besonders gut geeignet wären. Deshalb wurde beschlossen, dass unter anderem zukünftig alle neugeborenen Zwillinge getötet werden und diese für Mami Wata geopfert würden. Das brachte jedoch keine Besserung. Daher änderten sie das Ritual und opferten abwechselnd verschiedene Tiere. Hierbei beobachteten sie, welchen Einfluss das jeweils auf die kommenden Unglücke hatte. Gleichzeitig beschloss dieser Geheimbund, dass die Menschen Mami Wata verehren sollten. `Welches Wesen wird nicht gerne bewundert und verehrt?`, dachten sie. So wurden in Vollmondnächten zukünftig große Feiern mit wilden Tänzen um Feuerstellen am Strand abgehalten. Um in Ekstase zu geraten, nahmen die Menschen berauschende Getränke und Mittel zu sich. Nicht wenige behaupteten danach, in den Nächten am Strand Mami Wata gesehen zu haben. Auffällig war jedoch, dass die Unglücke der Gegend plötzlich zurückgingen, als man Hühner als Tieropfer während der Feiern am Strand verwendet hatte. Nachdem auf den monatlichen Vollmond-Feiern nur noch Hühner geopfert wurden, änderte sich die Situation der Stadt radikal. Es gab nahezu keine Unglücke mehr. Stattdessen wurde der Ort wohlhabend durch stetig zunehmenden einträglichen Handel und reichen Fischvorkommen in der Bucht. So leben hier nun viele erfolgreiche, vermögende und unverheiratete Männer mit zahlreichen Kindern. Seltsamerweise gibt es hier auch auffällig viele erfolgreiche, wohlhabende und gutaussehende Frauen mit und ohne Kinder, die nicht verheiratet sind. Ob das nun an Vereinbarungen mit Mami Wata liegt oder an den ausgelassenen Feiern am Strand wird nun kontrovers diskutiert. Jedenfalls wird seitdem Mami Wata in der Gegend als Schutz-Patronin, also als eine Art Schutzgöttin verehrt“, beendete Undine ihre Erzählung. „Außerdem ist mir kurz vor der Ankunft hier beim Vulkan während der Überlegungen zu Mami Wata wieder eingefallen, dass Dämona in ihrer Höhle neben dem Bild von Medusa auch noch in der Wand die Inschrift ´MW` eingemeißelt hatte. Ich dachte erst, das zweite Zeichen ist ein auf dem Kopf stehendes M und beide M stehen für Medusa und ihre genau gegensätzlichen beziehungsweise umgedrehten Lebensabschnitte: Zuerst als sehr schöne liebe Fee und dann als hässliches böses Monster. Aber `MW´ könnte natürlich auch für Mami Wata stehen“, ergänzte Undine noch.